Drei Gründe, warum Sie Ihre Schwächen vergessen können

Was sind Ihre Schwächen? Diese Frage gehört ins Vorstellungsgespräch wie das Amen in die Kirche. Ich mochte diese Frage noch nie, weder als Bewerber noch als Interviewer. Nicht nur, weil sie jedes Gespräch auf Augenhöhe in Windeseile in Ober und Unter zerlegt. Schwächen sind nun mal Teil des Systems, ohne Schwächen kommt kein Mensch aus. Aus Sicht der Evolution sind wir Menschen nun mal einfach Mängelwesen. Weil wir kein Fell haben, mussten wir lernen, Kleider zu nähen. Weil wir eigentlich nirgendwo auf der Erde ideale Lebensbedingungen finden, haben wir gelernt, Häuser zu bauen. Haben die Schrift erfunden, weil wir nicht alle die pfiffigen Ideen im Kopf behalten konnten, die wir unseren Kindern weitergeben wollten. Ja, wir haben Schwächen. Jede Menge, an denen wir kaum vorbeigucken können und solche, die völlig egal sind. Wie die für Kekse oder für schnelle Autos. Auch wenn sie genau genommen dazu gehören: Schwächen werden immer wieder zum Problem. Sie sind DAS Problem. Zumindest so lange, wir wir ständig auf ihnen herumkauen. 

Drei Gründe, warum Sie Ihre Schwächen vergessen können

Giraffen können unheimlich schnell laufen, sind in der Savanne immer problemlos ganz vorne dabei. Und sehen dabei auch noch gnadenlos gut aus, wie sie da vor sich hin laufen. Schnell wie eine Löwin, aber viel eleganter. Als Pinguin dagegen: klein, knubbelig, kurze Stummelbeine mit Platschefüßen unten dran. Geschwindigkeit geht anders, als Pinguin ist man echt benachteiligt, Mängelwesen quasi in Reinform. Das ist nicht nett von der Evolution. Wie soll man es da fertig bringen, irgendwas zu werden im Leben? Als Giraffe dagegen kommt man schnell und elegant voran, wird gesehen, macht Eindruck. Mein kleiner innerer Pinguin, gefühlter Mängelwesen-Prototyp ,  beginnt ernsthaft übers Umschulen nachzudenken. Aber muss das nun wirklich sein?

 

Grund eins: Anders zu werden, kostet Kraft und Zeit

Auch mit noch so viel Wut im Bauch und unendlich viel Willen im Kopf: Der Weg vom Pinguin zur Giraffe ist weit. Das wird nichts, sage ich mal unter uns. Ich hätte es leiser sagen sollen, denn kaum hat er’s gehört, greift der Pinguin zum Strick. Da war ich unvorsichtig, nicht dass er sich vor Verzweiflung gleich am nächsten Savannenbaum aufhängt!
Vielleicht ist das Pauken von Fremdsprachen oder das Antrainieren von Kreativität oder strukturiertem Arbeiten nicht ganz so wild, was den Grad der Veränderung betrifft. Zeit und Einsatz sind aber immer dann erheblich, wenn uns diese Veränderung in eine Richtung führt, die uns eigentlich nicht liegt. Von der Haltbarkeit der Veränderung ganz zu schweigen. Wenn uns etwas nicht liegt, müsste eine Frage doch eigentlich erlaubt sein: Wieso dann diese Richtung? Geht da nicht auch noch etwas anderes? Der Pinguin schaut auf, Hoffnung im Blick: vielleicht ist er doch gut so, wie er ist?

 

Grund zwei: Andere gibt es schon genug

Aus dem Pinguin wird wohl nie eine Giraffe, auch wenn man seine Ernährung umstellt, in die Savanne sperrt und mit Punkten bemalt. Aus dem Pinguin eine Giraffe zu machen, hieße, die ganze Evolution noch mal von hinten aufzurollen. Lohnt sich das, um eine schlechte Kopie von etwas zu werden, dass es heute schon in Vollendung gibt? Wasser fließt ja auch nicht den Berg herauf. Als ich “Wasser” sage, kommt plötzlich Leben in den kleinen Kerl, irgendetwas zieht ihn magisch an…


Grund drei: Alles eine Frage der Umgebung

Apropos Wasser: Haben Sie schon einmal ein Giraffe beim Trinken gesehen? Unbeholfen wir nur sonstwas, die Beine weit gespreizt, der lange Hals ist bei Durst echt ein Problem, das grenzt an Fehlkonstruktion. Am Wasser ist die Giraffe eine Niete. Gut, dass sie nur alle paar Tage trinken muss. Aber holla, der Pinguin: Wenn der ins Wasser taucht, pfeilschnell und elegant, da ist Musik drin! Der vollendete Taucher, ein begnadeter Schwimmer und sogar auf der Eisrutsche elegant. Er nickt, der Pinguin, plötzlich leuchten seine dunklen Augen. Ja, da gehört er hin: ins Wasser! Das ist sein Element!

Es muss nicht immer das mühevolle Abtrainieren von Schwächen sein. Manchmal genügt es, sich an die eigenen kleinen, ganz banalen Stärken zu erinnern, die man so ganz nebenbei mit sich herumträgt. Dann reicht es, an ein paar kleinen Stellschrauben zu drehen: Ich kenne eine exzellente Controllerin, der die Zahlenwelt zu trocken wurde. Als kreative Lösungsfinderin für schwere Fälle berät sie heute andere Controller und ist glücklich und zufrieden. Mein Hausarzt war als Oberarzt auf Karrieretour total unglücklich, weil er keine Zeit mehr für seinen Sport fand. Heute macht er den Weg zu seiner Praxis mit dem Fahrrad. Und eine Informatikerin, der Programmieren viel zu menschenleer war. Als IT-Trainerin ist sie ein As!

 

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