Vorstellungsgespräch: Die böse Frage nach dem aktuellen Gehalt

Eine der beliebten Standardfragen im Vorstellungsgespräch ist die nach der aktuellen Gehaltshöhe. Einige Unternehmen sollen sie ihren Recruitern offenbar sogar als Pflichtfrage vorgeben. Zahlen sind so schön vordergründig und handlich, deswegen wird sie gern gestellt. Bewerber mögen sie gar nicht – aus demselben Grund. Sie lässt keinen Interpretationsspielraum zu, ist so eindeutig, dass geschicktes Umschiffen einer klaren Antwort schwerfällt – die Hosen sind runter, das war’s.

Vorstellungsgespräch: Die böse Frage nach dem aktuellen Gehalt

Man kann die Beantwortung der Frage ablehnen oder auch eine unwahre Antwort geben, das geht natürlich. Das ist aber nicht der beste Weg, mit ihr umzugehen. Dazu zwei Gedanken:

Erstens –  Verhandlungsgeschick ist eine Kompetenz, die im beruflichen Umfeld nicht so ganz selten gefragt ist. Das Ablehnen der Antwort oder absichtliches Missverstehen („Sie

wollen sicher meine Gehaltserwartung wissen“) führen das Gespräch in eine Sackgasse, die die Annahme von Verhandlungsgeschick ziemlich konsequent verneint.

Niemand muss sein aktuelles Gehalt nennen, es spricht aber auch nichts dagegen, es tun. Mir fallen zumindest keine guten Gründe ein, wenn es um einen Verhandlungspartner geht, mit dem ich langfristig zusammenarbeiten möchte.

Wenn Sie sehr gut verdienen, aber bereit sind, unter Ihr jetziges Gehalt zu gehen, findet sich sicher eine gute Antwort samt Gegenfrage, die das Gespräch im Fluss hält. Falls Sie überdurchschnittlich wenig verdienen, suchen Sie einfach ein ähnlich konstruktives Gegenstück.

Mein Eindruck ist, dass mehr als zwei Drittel aller Wechselwilligen eine Beschäftigung, die Weiterentwicklung und Vorankommen bedeutet, höher werten als eine Gehaltsmaximierung. Wenn Sie zu dieser Gruppe gehören, lohnt sich eine Gesprächstaktik, die vom Geld auf die Inhalte wechselt. Gut, wenn Sie vor dem Gespräch Ihre unmittelbaren Karriereziele auf die angebotenen Möglichkeiten hin bewertet haben, damit Sie die inhaltlichen Erwartungen jetzt auf den Tisch legen können.

Zweitens – über den rechtlichen Hintergrund dieser Frage hört und liest man in Bewerbungsforen manchmal haarsträubende Dinge. Ich bin selbst keine Juristin, habe deswegen nachgelesen und zusammengetragen, was man bei Fachleuten zum Thema erfährt: Es gibt zwar tatsächlich Fragen, die Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch nicht stellen dürfen. Dazu gehören Fragen wie nach politischer Gesinnung, Krankheiten, Familienplanung, nicht aber die Frage nach dem aktuellen Gehalt. Meistens zumindest. Nämlich immer dann, wenn sie aus der Notwendigkeit heraus gestellt wird, die Qualifikation des Bewerbers zu ergründen. Die Daumenregel höheres Gehalt = höhere Verantwortung bei ansonsten gleicher Grundqualifikation muss man nicht mögen. Aber sie ist nun mal in sich schlüssig. Die Frage ist nur dann unzulässig, wenn es dem Fragenden um das Ausforschen der Vermögenssituation des Bewerbers geht. Aus dem Kontext, in dem die Frage gestellt wird, geht das in der Regel klar hervor.

Auf zulässige Fragen müssen Bewerber wahrheitsgemäß antworten. Das mit einer Falschantwort verbundene Risiko ist übrigens erheblich. Wenn der Arbeitgeberwechsel nicht gerade zum Jahresende geschieht, bringen die Lohnsteuerunterlagen die Wahrheit sowieso ans Licht. Der Arbeitgeber kann wegen arglistiger Täuschung den Arbeitsvertrag anfechten, übrigens auch noch ein Jahr nach Einstellung, oder eine fristlose Kündigung aussprechen. Beides ist im Ergebnis gleich hässlich.