Verhör oder Kaffeeklatsch?

Fachlich sind Sie enorm kompetent, ohne Frage. Das sagen alle – Kollegen, Vorgesetzte, ehemalige Kommilitonen, Zuhörer Ihrer Vorträge. Sie selbst fühlen sich wohl in Ihrem Fach, lernen gern und ständig dazu und geben im Unternehmen darin wichtige Impulse.


Also müsste das doch klappen mit dem Vorstellungsgespräch!
Ja und nein, Fachkompetenz ist bestenfalls die halbe Miete. Wie ist es um Ihre nicht-fachlichen Kompetenzen bestellt? Und wie treten Sie auf, wie wirken Sie auf Fremde? Anhand dieser Basisfragen trennen sich im Vorstellungsgespräch Spreu und Weizen.

Der Unsichere
Schon an Körperhaltung und Mimik wird es für Ihre Interviewpartner offensichtlich: Hier fühlt sich jemand unwohl, ist innerlich auf ein Verhör gepolt. Wenn auch die klassischen Small Talk-Eröffnungsfragen und die erste Tasse Kaffee das Eis nicht brechen, wird es schwierig, bei aller Fachkompetenz zu überzeugen. Wer dann auch noch die Schilderung seines Werdeganges so mager gestaltet, als sei er der Busfahrplan, kann kaum noch gewinnen. Machen Sie sich klar: Sie sind eingeladen worden, weil das Unternehmen aus Ihren Unterlagen überzeugt ist, dass Ihre Mitarbeit ein Gewinn sein kann. Den Vorkampf haben Sie schon gewonnen, das hier ist die Zielgerade!


Der Selbstsichere
…ist von der ersten Minute an im Vorstellungsgespräch zuhause, glänzt durch Lockerheit. Ihnen ist anzumerken, dass Sie die Situation mögen und es genießen, im Mittelpunkt zu stehen. Ihre Entspannung ist offensichtlich und ehrlich. Sie reden gut und gern von sich, Ihren beruflichen Erfolgen und Zielen. Belassen Sie es aber unbedingt bei dem vorgegebenen Zeitrahmen. Ihre Gegenüber wollen mehr über Sie wissen, als Sie aus eigenem Antrieb sagen. So gut Sie auch sein mögen: Wenn Sie die big Points holen wollen, werden Sie Hürden und Stolpersteine souverän meistern müssen. Ihre Gesprächspartner haben ohne Zweifel einen großen Vorrat an passenden Fragen parat.

Beispiele, Beispiele!
Ein guter Schachzug ist, die Schilderung des Werdeganges mit Freunden oder Familienangehörigen zu üben und sich so schon vorab Feedback einzuholen. Das gibt Selbstsicherheit, rückt aber auch ein überzogenes Selbstbild zurecht. Falls Sie Ihren Werdegang in deutlich weniger als 10 Minuten abspulen: Verlängern Sie ihn durch den Einbau von Beispielen, die möglichst nah an dem Aufgabengebiet der neuen Position angesiedelt sind. Nennen Sie Erfolge und das, was Sie erfolgreich gemacht hat. Bei den Begründungen können nahestehende Menschen auch ohne Coaching-Ausbildung oft gute Tipps geben, hier steht man sich nicht selten selbst im Licht. Solche Beispiele wirken andererseits auch wesentlich sachlicher als sich mit griffigen, aber allzu blumigen Attributen zu schmücken. Beschränken Sie sich auf das Wesentliche: Sie können über alles reden, aber nicht über 10 Minuten.

Das Experiment
Im Vorstellungsgespräch wird beleuchtet, wie Sie denken, wie Sie wahrnehmen, was Sie antreibt und wie Ihr zwischenmenschliches Verhalten in seinen Grundzügen beschaffen ist. Nicht zuletzt da Selbst- und Fremdbild dabei durchaus auseinanderfallen können, werden Ihre Aussagen auf Herz und Nieren geprüft. Ein guter Personaler weiß genau, wohin er pieksen muss, damit aus aufgepumpten Bewerbern heiße Luft verlässlich entweicht. Offene Fragen, Konfrontation mit Spannungsfeldern bis hin zum Stressinterview kann man durch gute Vorbereitung in Grenzen parieren. Beliebt sind auch scheinbar zusammenhanglos aus der Luft gegriffene Rechenaufgaben, wie die Textaufgaben der schulischen Mittelstufe, die auch die schönste Kaffeekränzchen-Atmosphäre wieder erden. Allesamt sind das gute Methoden, die Fassade zum Bröckeln zu bringen und den echten Menschen dahinter zu erkennen. Erst dann ist das Ziel erreicht. Deswegen: bleiben Sie authentisch, antworten Sie offen. Wer sich nicht erst durch das anstehende Interview getrieben kritisch-reflektierend mit dem eigenen Selbst beschäftigt, ist klar im Vorteil.

Den Spieß umdrehen
Sie kommt todsicher, diese Frage: „Haben Sie noch Fragen?“. Aber ja doch, jetzt sind Sie dran! Wer jetzt nicht fragt, hat vermeintlich nur beschränktes Interesse an der angebotenen Position oder ist – noch schlimmer – ein braver Jasager. Eine Gelegenheit, Fragen aufzugreifen, ist die Schilderung der angebotenen Stelle eingangs des Interviews. Hören Sie genau auf Abweichungen zu der schriftlichen Stellenbeschreibung und haken Sie jetzt nach. Weitere Punkte sammeln Sie durch Fragen zu Arbeitsumgebung und ‑bedingungen, auch nach konkreten Projekten. Hier sollte Ihnen mehr einfallen als Urlaubstage und Überstundenregelungen. Fragen Sie Ihre Gesprächspartner durchaus auch, was sie an der Arbeit für dieses Unternehmen schätzen, was sie hierher geführt hat. Aber fragen Sie bitte mit Fingerspitzengefühl, um die Grenze des allzu Persönlichen nicht zu überschreiten. Auch wenn das Interview kein Verhör ist, so gibt es doch eine klar definierte Verteilung der Rollen.




Der besseren Lesbarkeit halber verwenden wir in diesem Text in Personenbezeich­nungen die männliche Form. Sie gelten sinngemäß auch in der weiblichen Form.

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