Überfliegen, Vorankommen und Zielerreichen – von Sportlern lernen


In der Presse konnte man vor kurzem lesen, dass Unternehmen zunehmend gerne ehemalige Profisportler einstellen – trotz ihrer nicht auf die berufliche Karriere fokussierten Lebensläufe und meistens höherem Einstiegsalter. Bessere Selbsteinschätzung, bewiesener Durchhaltewillen und durchgestandene Durststrecken pflastern den Weg zum sportlichen Erfolg. In der Summe wächst darauf ein wertvoller Erfahrungsschatz, ein Persönlichkeitsprofil, das von Arbeitgebern höher bewertet wird als der straighte Lebenslauf von Überfliegern. 

Sportlicher Erfolg lässt sich gut messen. Im Beruf ist Erfolg nicht immer so klar ersichtlich. Was kann ein Nicht-Leistungssportler und durchschnittlicher Berufstätiger von Sportlern lernen, wenn es um alltägliche berufliche Entwicklungsthemen geht?

Yvonne Dathe

Über diese Frage haben Yvonne Dathe und ich miteinander nachgedacht. Yvonne ist als dreifache deutsche Meisterin im Gleitschirm-Streckenfliegen eine echte Überfliegerin und arbeitet als Inhaberin von WinMental im Potenzialcoaching für Beruf, Alltag und Sport.

RSe: Yvonne, du bist erfolgreiche Sportlerin und unterstützt Menschen mit deinem Mentaltraining-Angebot, im Beruf ihr Potenzial richtig einzusetzen. Wie passt das zusammen?
YDa: Im Gleitschirmfliegen ist es wie bei der Suche nach einem neuen Job. Es gibt viele Bewerber auf eine Stelle. Genauso gibt es im Wettbewerb viele Piloten, die als Erster die Ziellinie überfliegen möchten. Das Ziel ist in beiden Fällen gleich: Erster zu werden. Doch der Weg dahin kann auf unterschiedliche Weise erfolgen.
Eine Möglichkeit ist, sich an den Besten zu orientieren und zu versuchen möglichst an ihnen dranzubleiben. Sich in den „Fußspuren“ der Besten zu bewegen, gibt ein Gefühl von Sicherheit. Dieser hat ja schon einmal funktioniert, also muss „nur“ der erfolgreiche Weg nachgeahmt werden. Die Schwierigkeit dabei ist: Die Besten sind oft anders! Eventuell sind sie besser, höher, schneller, haben andere Qualifikationen oder sind vielleicht sogar in einigen Bereichen schlechter. Wer dem vermeintlich Besten hinterher hechelt, wird vermutlich früher oder später eine Außenlandung erleben. Das Ziel Erster zu werden und damit auch die Stelle zu erreichen, wurde nicht erfüllt!
Ein anderes Extrem ist einfach „frei Nase“ zu versuchen seinen eigenen Weg zu finden. Hier gibt es einen großen Nachteil, es fehlt die Orientierung. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes im Trüben gefischt. Vor lauter Angst, die Anderen könnten einen einholen, wird vorne weg gehetzt und womöglich geht einem vorzeitig die Luft aus. Risiken werden eingegangen und auf die Möglichkeit einmal durchzuatmen wird verzichtet. Vor lauter Gasgeben, um ja eine Nasenlänge vorn zu sein, werden die besten Chancen verpasst und das Ziel Erster zu werden, also den Traumjob zu erhalten, bleibt auf der Strecke.

RSe:  Da gibt es also eine ganze Menge Parallelen zum Berufsleben! Ich kann versuchen, andere nachzuahmen, oder das Gegenteil: ich mache mein Ding, gehe meinen Weg, ohne mich ablenken zu lassen. Zwei Extreme, wo ist die goldene Mitte?
YDa: Anderen zu folgen kann für eine bestimmte Zeit von Vorteil sein. Doch langfristig ist es wichtig sich auf seine Fähigkeiten und Stärken zu besinnen. Wer in sich hinein schaut, wird merken, dass „seine Stärken und Schwächen“, seine eigene Persönlichkeit ihn ans Ziel führen wird. Den eigenen Stil zu finden hilft, neue noch unbekannte Türen zu öffnen. Ich kann nur jedem raten, authentisch zu bleiben.

RSe: Und wie ist es mit dem Fehlermachen, mit dem Scheitern? Auch das ist in Sport und Beruf ähnlich: wer etwas erreichen will, beschreitet Neuland und kann deswegen leicht mal danebenliegen.
YDa:Als Streckenfliegerin und Coach bin ich der Meinung es gibt keine „Fehler“. Fehler sind nichts weiter als Erfahrungen, die notwendig waren, um dazu zu lernen. Hätte ich im Vorfeld gewusst, was bei meiner Handlung am Ende raus kommt, hätte ich mich ja anders verhalten. Da ich es aber nicht besser wusste, musste ich zwangsläufig so handeln, um eine weitere Erfahrung zu machen, wie es nicht geht. In Zukunft wird mit dieser neuen Erfahrung ein verändertes Handeln möglich sein.

RSe: Und da waren noch die externen Bedingungen. Mal sind es die blöden Kollegen, mal die fehlende Zeit oder der Regen…
YDa:Beim Fliegen wird oft dem veränderten Wetter die Schuld an einer verfrühten Landung gegeben. Doch die Ergebnislisten zeigen, dass stets die wirklich guten Piloten auf dem Podest stehen. Äußere Einflüsse lassen sich nur schwer bis überhaupt nicht beeinflussen, doch jeder kann seine Handlung auf die sich verändernden Bedingungen abstimmen. Pech ist oft nur eine Ausrede für mangelnden Einsatz. Wir sehen bei den Erfolgreichen immer nur die Hochphasen, dass diese ebenso auf die Nase gefallen sind und hart für Ihren Erfolg kämpfen mussten wird des Öfteren übersehen.

RSe:  …oder auch die charmanten Vorgesetzten, die Ziele, kurz bevor man sie erreicht, immer wieder gerne noch ein bisschen höher setzen: die berühmten „stretch targets“.
YDa:   Im Sport genauso wie im beruflichen Leben kommt es darauf an gut zu sein. „Gut“ ist dabei sehr relativ. Je nachdem wo jemand steht, kann dieses Gut sehr differenziert betrachtet werden. Es geht darum sich stetig vorwärts zu bewegen und heute besser zu sein als gestern.

RSe:  Und genau darin steckt die Krux: viele Menschen erleiden Rückschläge, vielleicht auch nur gefühlte Rückschläge. Dann fällt es schwer, den eigenen Vorwärtsdrang hoch zu halten. Wie geht eine Sportlerin damit um?
YDa: Den Fokus auf das Ziel zu richten hilft, Hindernisse zu überwinden – je mehr das Ziel mit positiven Emotionen aufgeladen ist. Also je mehr ich mich auf das Erreichen des Zieles freuen kann, desto stärker ist der Durchhaltewillen. Sicherlich gibt es immer wieder Rückschritte, doch der Spaß an der Sache und das Ziel vor Augen hilft Grenzen zu überwinden. Ich kann mit allen fünf Sinnen das Erreichen des Zieles visualisieren. Dabei werden ungeahnte Kräfte freigesetzt.

RSe: Mit anderen Worten: wer sich den erwünschten Erfolg immer wieder präsent macht, motiviert sich selbst und gewinnt an Kraft für die Zukunft. Aber auch in der Vergangenheit kann doch viel Gutes stecken.
YDa: Ja, jeder hat Ziele, die er in der Vergangenheit bereits erreicht hat. Wer sich seine Erfolge aufschreibt und sich vor Augen hält, wird erkennen, wie erfolgreich er bereits war. Das steigert das Selbstvertrauen und gibt die Gewissheit, auch zukünftige Ziele erreichen zu können.

RSe: Ich stelle mir das Gleitschirmfliegen schon relativ schwierig vor: du kannst nicht wie auf der Autobahn schön geradeaus fahren oder wie ein Flugzeugpilot eine feste Route von A nach B wählen. Der Wind ist dein Antrieb und du bist von der Thermik abhängig. Wie kann man da so einfach vom Startpunkt zum Ziel kommen? Und wird es nicht manchmal eng da oben, wenn alle gleichzeitig auf dasselbe Ziel losfliegen? Siehst du da auch Parallelen zur Berufswelt?

YDa: Ja, das stimmt. Gerade am Start kann es etwas eng werden. Im Laufe eines Fluges verteilen sich dann aber die Piloten. Es gibt verschiedene Thermikquellen – Aufwinde – die wir nutzen können. Diese sind unterschiedlich stark. Die Kunst ist es, an den Stellen schnell zu fliegen, an denen es nicht so gut nach oben geht und dort zu verharren, wo die Thermik stark ist. Manchmal ist ein scheinbarer Umweg der bessere Weg. Die direkte Linie ist zwar kürzer, doch sind die Aufwinde über einem gebogenen Bergkamm eventuell stärker, so dass man dort schneller vorankommt. Am Ende gewinnt womöglich ein Pilot, der einige Kilometer weiter geflogen ist, weil er das Gelände, die Sonne und den Wind besser ausgenutzt hat. Im Berufsleben kann es ganz ähnlich sein. Wer den straighten Weg geht muss weniger Hindernisse überwinden. Wer zuerst mal ein paar Jahre im Ausland verbracht hat oder sich mit anderen Dingen beschäftigt hat „vergeudet“ im Blickwinkel Mancher vielleicht Zeit. Doch genau hier können Erfahrungen gesammelt werden, die für das Berufsleben unbezahlbar sind. Viele Lebensläufe von erfolgreichen Menschen zeigen, dass diese nicht so geradlinig sind, wie man vielleicht annehmen könnte. Gerade die unterschiedlichen Erlebnisse und daraus resultierenden Erfahrungen machen den Erfolg aus.

RSe:  Manche Menschen neigen dazu, all ihre Schritte zu planen, bevor sie loslegen. Geht das in deinem Sport überhaupt?
YDa: Vor jedem Flug versuche ich schon, eine möglichst gute Planung zu machen. Ich sehe mir die geplante Route an und überlege mir, welche Schwierigkeiten auf mich zukommen könnten. Dafür lege ich mir mögliche Lösungen zurecht. Doch irgendwann muss gestartet werden. Es gibt immer unbekannte Situationen, die Einem begegnen können. Es ist unmöglich sich auf alles vorzubereiten. Doch wer den ersten Schritt nicht wagt, kommt nicht weiter. Dabei sollte jeder auf seinen persönlichen Rhythmus achten. Wenn alle an einem vorbei ziehen, die Ausgangslage aber nicht zum Weiterkommen passt, dann sollte man sich die Zeit nehmen, auch wenn alle anderen scheinbar schneller vorankommen. Oft geht den „Überfliegern“ unterwegs die Luft aus, dann haben die langsam, aber stetig Voranschreitenden ihre Chance.

RSe: Yvonne, vielen Dank für das Gespräch und allzeit viel Aufwind – beruflich und im  Sport.
YDa: Auch dir, Rita, vielen Dank für das Gespräch!


Rita Seidel, Inhaberin der rise Personalberatung  im Gespräch mit Yvonne Dathe, Inhaberin von Winmental und dreifache deutsche Meisterin im Gleitschirm-Streckenfliegen. Mehr über Yvonne und ihre Arbeit unter diesem Link

 

Bildnachweis: Yvonne Dathe, privat