Über die Einsamkeit des Führens

Über die Einsamkeit des Führens oder der Tor zur Macht

Er schreibt einen meiner Lieblingsblogs – Dr. Hans-Christian Blunk, mit kurzen und prägnanten Texten rund um Beratungsthemen wie Leadership, Corporate Governance, Organisationsentwicklung. Zu einem seiner Artikel habe ich mehr wissen wollen. Hier unser Gespräch über die Einsamkeit des Führens:

Rita Seidel: Herr Dr. Blunk, Kürzlich habe ich in Ihrem Blog einen Beitrag gefunden zum Thema Realitätsverlust und wie man diesen verhindert (“der Tor zur Welt“).
Dort sagten Sie, dass Entscheider – je mehr sie Macht auf sich vereinen – gut daran täten, einen Narren als regelmäßigen Gesellschafter zu haben. Vor ein paar hundert Jahren waren Narren an den Höfen der Mächtigen gang und gäbe. Aber heute? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein der CEO eines Industrie- oder Bankkonzerns einen Narren als seinen Berater einstellt. Ihr Beitrag klang aber sehr ernsthaft. Was steckt dahinter?

 

Hans-Christian Blunk: Ich glaube, Führungsmacht hat entgegen gängiger Vorurteile in der Regel ihre Berechtigung: Der, der es am besten kann, hat das Sagen und ist zu Recht ganz oben. Aber diese Berechtigung ist eben nicht nur Recht, sondern auch Verantwortung – und die ist eine schwere Last, wenn man sie alleine trägt.

Rita Seidel: Führungsentscheidungen sind oft Einzelfallentscheidungen; Entscheidungen, für die es keine Kopiervorlage gibt. Da sind Fehler fatal, Machtverlust droht.

Hans-Christian Blunk: Das ist eben der Nachteil vom ganz oben sein: Die Mischung aus Einsamkeit und der fatalen Einsicht, dass man auf der Spitze des Berges im Verhältnis zum Berg ziemlich bedeutungslos ist.

Rita Seidel: Der Narr bricht also die Einsamkeit der Machtinstanz. Für Sie ist der Narr ein externes Korrektiv, das seine Narrenfreiheit nutzt für den konstruktiven Widerspruch?

Hans-Christian Blunk: Ja genau! Ich glaube, dass fehlende Reflexion auf Augenhöhe zu Desensibilisierung führt: Die eigene Wahrnehmung wird eindimensional. Es fehlt das Gefühl für selbstverursachten Kollateralschaden. Die Folge: Vieles, was man mit den Händen aufbaut, wirft man mit dem Hintern wieder um.

Rita Seidel: Also den Narr an der Seite des Entscheiders, damit Führung gelingt. Was tut er denn konkret, der Narr?

Hans-Christian Blunk: Der Narr ist ein Wirkungsgradverstärker. Einer, der Risiken und Nebenwirkungen minimiert. Das gelingt ihm, weil er Integritätslücken aufspüren kann. Der Narr findet Widersprüche, Ungereimtheiten, Inkonsistenzen und logischen Brüche.

Rita Seidel: Der Narr ist also nicht in erster Linie ein Berater, der sich durch einen Wissensvorsprung dem Entscheider gegenüber positioniert. Er zeichnet sich aus durch eine empathische Fragetechnik, die vollständig im Dienst der Entscheiderposition steht.

Hans-Christian Blunk: Richtig! Im Mittelpunkt steht das institutionalisierte infrage stellen von Entscheidungen: Das Besondere dabei ist die Fokussierung auf das Gegenargument: Wenn du wissen willst, ob eine Entscheidung richtig ist, versuche ein Argument dagegen zu finden und nicht eins dafür. Findest du ein überzeugendes Gegenargument, muss eine andere Entscheidung her.

Rita Seidel: Also, ein Clown ist Ihr Narr nun gerade nicht! Das scheint mir eher ein Power-Job zu sein, der Kräfte zehrt.

Hans-Christian Blunk: Das stimmt. Narr sein ist Sparring auf hohem Niveau. Und weil man immer mit Schwergewichtlern in den Ring steigt, ist es unabdingbar, selbst über eine gewisse Schlagkraft zu verfügen. Was aber wirklich essentiell ist, ist die eigene wirtschaftliche Unabhängigkeit: Ein guter Narr ist Frei-Berufler.

Rita Seidel: Ihr “Narr” erscheint mir zunehmend mehr als höchst seriöser, ernsthafter Alter Ego, als ein Freund, eine zweite Identität des Machtinhabers…

Hans-Christian Blunk: Ja, man braucht wirklich Zuneigung, um dieser Rolle gerecht zu werden – und eine Menge Respekt.

Rita Seidel: Sie selbst sind seit über 20 Jahren Berater. Waren Sie auch schon einmal Narr?

Hans-Christian Blunk: Ja – über viele Jahre. Und ich bin für diese Zeit sehr dankbar: Es ist außerordentlich befriedigend, dazu beizutragen, das Richtige zu tun.

Rita Seidel: Dann machen wir die Job Description des Narren doch einfach zu „Beratung auf allerhöchstem, individuellem Niveau“! Herr Dr. Blunk, vielen Dank für das Gespräch und noch viel Spaß und Erfolg in Ihrem Job!

 

 

 

Grafik: Gabriele Rohde/Fotolia