Martin Gaedt – Mythos Fachkräftemangel

Ich habe nur wenige Bücher in der letzten Zeit so verschlungen wie Martin Gaedts Mythos-Buch. Dabei ist der Inhalt alles andere als spaßig oder unterhaltsam; es geht um ein bitterernstes Problem. Martin Gaedt schreibt anschaulich und verständlich, die Entwicklung seiner Gedankengänge baut auf der ihnen innewohnenden Logik und Überzeugungskraft auf. Zahlenakrobatik beschränkt er zu deren Gunsten auf ein Mindestmaß, bei exzellenter Recherche. Was mich fasziniert, ist einfach die Stringenz, mit der er den Begriff vom Fachkräftemangel zerlegt, Hintergründe aufdeckt und vor allem eine Vielzahl konkreter Handlungsalternativen aufzeigt.

In Deutschland ändern wir Dinge, wenn sie dran sind. Wir sind stolz darauf, eine Machernation zu sein, stolz auf unsere Historie umwälzender Ideen. Deswegen haben wir den Schadstoffausstoß unserer Automarken reduziert, haben die Energiewende zu Germany‘s next top mission erkoren. Und nun ist es Zeit, dem Recruiting genauer auf die Finger zu sehen, um unsere Expertise für die Zukunft zu erhalten. Da kommt Martin Gaedts Buch gerade recht.  In Deutschland fehlen Fachkräfte. Jaha.  Der demografische Wandel ist Realität, Erzieherinnen, Kranken- und Altenpfleger, Java-Entwickler, Ingenieure – alle die könnten wir auf den Kopierer legen und hätten wahrscheinlich immer noch nicht genug. Wieso gibt es dann aber immer noch Arbeitslosigkeit, wo bleibt die Vollbeschäftigung, wenn uns der demografische Wandel derart hart trifft? Weil Bewerber Ansprüche haben, ist es das? Wollen nicht in ländlichen Bereichen arbeiten, ziehen die bequeme Infrastruktur städtischer Räume vor.

Weil sie hinter großen Marken große Arbeitgeber vermuten, sichere Arbeitsplätze. Alle anderen dagegen müssen in die Röhre schauen, haben das Nachsehen und ein Recht auf Selbstmitleid. Doch es sind die Ansprüche auf Arbeitgeberseite, die das Bild vom demografischen Wandel scharf schalten. In deren Zuviel steckt das wahre Defizit. Potenzial zu entwickeln, das fällt deutschen Unternehmen schwer. Den Mangel in Blick, erschließt sich die Fülle des Vorhandenen gar nicht mehr. Ein Nein zu einem kleinen Mangel im Lebenslauf verteidigt sich so viel leichter als ein Ja zu Potenzial, das erst entwickelt werden will. Für dieses Risiko müsste ein Personalentscheider die Verantwortung übernehmen – wer mag das schon?   Oder sich als Arbeitgeber in Szene zu setzen, mit klaren, überzeugenden Worten für das eigene Unternehmen zu werben. Auf diese Art den Spieß umzukehren, ist unbequem. Denn es bedeutet, eingefahrene Pfade zu verlassen und aus theoretischem Mut zu Neuem lebendige Realität werden zu lassen. Altbekannte Risiken dagegen sind etabliert, kalkulierbar und salonfähig. Ja, dieses Buch entlarvt Bequemlichkeiten, zeigt die ganze Dramatik in HR-Abteilungen, in der Politik, in den Institutionen auf. Dieses Buch macht mit Händen greifbar, wieviel im Argen liegt.

Bei aller Kritik bleibt Martin Gaedt immer sachlich und konstruktiv. Martin Gaedt belässt es nicht beim Beschreiben von Problemen, das ist seine Sache nicht. Er zeigt Lösungen auf: konkrete Beispiele, wie es besser geht aus der gelebten Recruiting-Praxis einzelner Unternehmen. Dabei spielen Sachverhalte wie aktives Netzwerken, den Aufbau von Talent Pools und Employer Branding-Maßnahmen eine Rolle, wobei Martin Gaedt uns lieber mit praktikablen Ideen als mit Schlagworten konfrontiert. Er wird konkret und zeigt auf, wo Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt haben und handeln. Er nennt regionale Hidden Champions, mutige Einstellungsentscheidungen, in Kamingesprächen geborenen Netzwerkideen, deren Rechnung aufgeht. Spricht von Ansiedlungspolitik in ländlichen Räumen, von positiven Lichtblicken in Schulen, einer Willkommenskultur als ausbaufähigen Initialzündungen. Nennt den Einzelnen, der zum Handeln aufgerufen ist, genauso wie die Politik.

Die wesentliche Botschaft ist jedoch: Hört auf zu kritisieren, den Fachkräftemangel zu verwalten und als Ausrede für fehlende Offenheit und Kreativität im Recruiting vorzuschieben. Legt los, traut euch! Das Potenzial ist da, Ideen und Ansätze gibt es reichlich. Wir brauchen die mutigen Umsetzer, Arbeitgeber und Entscheider sind zum Handeln aufgefordert. Jeder einzelne. Und genau deswegen habe ich mein Herz an diese Idee verloren. Ich wünsche mir, dass dieses Buch als Blaupause für zukunftsfähiges Recruiting Einzug in deutsche Unternehmen findet, ohne Ausnahme.

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