Mythos Blindbewerbung: Und sie schärft den Blick doch

Mythos Blindbewerbung: Und sie schärft den Blick doch

Als ich letzte Woche in Jörg Buckmanns Blog lesen konnte, was die Blindbewerbung  für eine gute Sache ist, fiel es mir wieder ein. Noch vor einem Jahr war ich skeptisch, als das Thema durch die Presse ging. Anonym bewerben, das funktioniert nicht, dachte ich. Theoretisch liest sich das alles gut, aber praktisch wirkt das Konzept irgendwie löcherig. Das wird sich doch kaum durchsetzen, dachte ich.

Auch weil  mich das Thema immer ein wenig an ein Blind Dinner erinnert, das Dreigängemenü in einem stockdunklen Restaurant. In beiden Fällen wird die Wahrnehmung auf das Wesentliche reduziert. Das ist gewollt, das ist gut so. Aber auch ziemlich drastisch und allemal gewöhnungsbedürftig. Und irgendwie auch Selbstbetrug.

Denn die Nase verrät doch, was Sache ist – auf dem Teller wie im Lebenslauf. Bei der Suche nach nachhaltigen Eindrücken fallen mir da leider nur blaue Flecken von Zusammenstößen mit diversen Tischkanten ein. Und natürlich-vielfarbige auf dem weißen T-Shirt.

Ent-Deckung

Ein nachhaltiger Effekt der Blindbewerbung hatte sich mir lange nicht so recht erschließen wollen. Denn mit ein bisschen „Näschen“ lässt sich auch die Blindbewerbung aufdecken. Im Werdegang stecken genug Jahresangaben, die Reihenfolge und Social Media helfen bei Name und Gesicht weiter. Ätsch, Bewerber, ich hab‘ dich! Dem sportlich ambitionierten, leidlich geübten CV-Leser entgeht da nichts, Hürden gibt es da höchstens von der Höhe eines Krötenfangzaunes. Bei den Hürden bleibe ich hängen, begebe mich jetzt mal ganz bewusst in die Froschperspektive. Ja – die Hürden haben einen Sinn. Einen sehr guten sogar. Denn man hat genau eine Chance auf den ersten Eindruck, auch in der Blindbewerbung. Deswegen wählt der geübte Bewerber die Dinge sorgfältig aus, die den ersten Eindruck transportieren sollen. 

Be-Werbung

Und gleich noch eine Plattitüde hinterher: Bewerbung ist Werbung in eigener Sache. Wer wirbt, tut gut daran, die Dinge so ins Licht zu rücken, dass die wichtigen und wesentlichen gut und deutlich ausgeleuchtet werden. Dass in Lebenslauf und Anschreiben alles das herausgestellt und gut ausgeleuchtet wird, was für die angestrebte Position wichtig ist, wird von allen Bewerbungsexperten gebetsmühlenartig wiederholt. Das ist gut so, das ist richtig. Hautfarbe, fremdartiger Name, Alter, gehören eben nicht zu den Dingen, die als Kompetenz transportierende Eigenschaften beleuchtet werden müssen. Also, Geburtsdatum, Konterfei, ethnische Herkunft, jetzt mal genau herhören: bitte hinten anstellen und unter ferner liefen einreihen, und zwar jetzt gleich und ohne zu meckern. Und das immer dann, wenn der Bewerber es so wünscht.  Personaler sind eben auch nur Menschen (jaja, Headhunter tatsächlich auch). Und können die stark autistische Ader nicht für sie reklamieren, die Jörg Buckmann voraussetzt, damit sich ausländische Namen, die „falsche“ Herkunft oder ein zu attraktives Aussehen eben nicht negativ auf die Beurteilung auswirken. Deswegen ist die Blindbewerbung eine so gute Idee. Mit der Blindbewerbung haben Deutsche Telekom & Co den richtigen Schritt gemacht. Dabei macht diese Form der Bewerberauswahl nicht blind, sondern schaut einfach an die richtigen Stellen. Nicht nur in den Bewerbungsunterlagen, sondern vor allem im anschließenden Auswahlprozess und während der gesamten Praktikumszeit.

Mein Lerneffekt

Genaugenommen öffnet die Blindbewerbung Entscheidern die Augen. Das ist sehr viel. Und mutig. Trotz meiner inzwischen ausgeprägten Zuneigung zur Blindbewerbung hat für mich die „offene“ Bewerbung mit Foto, vollem Namen und allen Werdegangsdetails nach wie vor ihren Charme. Beide haben ihren Platz, falsch oder richtig gilt hier nicht. Sieh an, sieh an – ich habe dazugelernt seit Sommer 2013. Eines hat sich aber nicht geändert: Lust auf ein Blind Dinner habe ich nach wie vor nicht. Um das zu ändern, müsste ich wahrscheinlich erst zum Maulwurf umschulen. Damit die blauen Flecken nicht so auftragen.