Keine Zeit – warum eigentlich?

Manchmal ist es schwierig, einen geschäftlichen Termin zu arrangieren. Dieses Mal war es wichtig, es war mir ein großes Anliegen. Aus der Not eine Tugend machend, habe ich mich diese Woche mit einem Geschäftspartner zum Wandern verabredet, zum GehSpräch, wie er es nennt. Ja, mitten in der Woche, zur Arbeitszeit.

Eigentlich hätte ich vor Wochen schon nur einfach zum Telefon greifen müssen, seine Rufnummer ist in Reichweite. Doch irgendetwas kam immer wieder dazwischen. Ich könnte nicht einmal sagen, dass es immer Dinge waren, deren Nichterledigung die Welt zum Stillstand gebracht hätte. Schließlich brachte der Anruf meines Geschäftspartners den Termin zustande. Er hatte die Zeit dazu, ich offenbar nicht.

Keine Zeit

Nicht nur die Vereinbarung von Business-Terminen ist schwierig. Noch schwieriger ist es, die Ansprüche von Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Work-Life-Balance ist eine Sehnsucht, ein Fernziel, die Ausnahme von der Regel. Dysbalance im Umgang mit Zeit dagegen offenbar die Normalität.

Keine Zeit zu haben ist chronisch. Dabei hat jeder Tag 24 Stunden. Das ist mit konstanter Regelmäßigkeit so, das ganze Jahr, und ebenso sicher wie der Termin von Weihnachten oder Neujahr oder die Dauer einer Minute. Abzüglich Schlaf bleiben rund 16 Stunden zur freien Verfügung, also je acht Stunden für Work und für Life. Rechnerisch wäre also alles in Butter. Ist es aber nicht.

Noch gerade eben eine Kalkulation erstellen, einen Geschäftsbrief schreiben, einen Missstand ergründen. Oder zum Sport gehen, der Lust auf einen Kinoabend nachgeben, in Büchern stöbern? Das wäre ein Prioritätenproblem. Ist es das?

Den Projektbericht, die Hausarbeit, die Präsentation endlich fertig stellen. Oder lieber einfach weiterdaddeln, bis… naja, bis wann eigentlich? Läuft hier die Zeit davon oder was? Hm, schwierig. Meine Uhren, funkgesteuerte übrigens, sind jedenfalls alle fest in die Wand gedübelt oder standsicher aufgestellt. Von Weglaufen kann da keine Rede sein.

Ein ordentlich geführter Terminkalender sollte helfen. Das tut er, ich kann das bestätigen, auch wenn dazu ein bisschen Disziplin nötig ist. Doch dann kommen die Überfälle: Die Kannst-du-mal-gerades, Ach-übrigense, Das-muss-jetzt-dringend-seins. Prioritäten anderer treffen auf die eigene Unfähigkeit, Nein zu sagen. Man ist so nett, die eigenen Termine leiden und man darf obendrein auch noch erklären, warum man es nicht geschafft hat, Zugesagtes einzuhalten. Ein tragischer Fall von selbstverschuldeter Zwickmühle; Balance geht anders.

Es sind aber nicht immer nur die anderen. Manchmal schaue ich einfach lieber aus dem Fenster, halte mich an meiner Kaffeetasse fest. Oder die Gedanken gehen auf Weltreise und die dauert halt. Diese Luftlöcher stehen nicht in meinem Kalender und sind peinlicherweise auch noch ein spaßgeladener Gegenpol zur Pflicht. Sie schleichen sich in den Tagesablauf ein und stellen einen chronischen Störfaktor dar, der sich als schlechtes Gewissen gar nicht so einfach wegdefinieren lässt. Wieder mal ist der Terminkalender-gestützte harte Kampf um Balance in die Hose gegangen.

Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass sich in Fensterscheibe und Kaffeeoberfläche manchmal ganz enorm wichtige Botschaften spiegeln und selbst die gedankliche Weltreise bildet. Nicht sicher, auch nicht immer, aber ganz oft sind diese Luftlöcher randvoll mit Kreativität aufgeladen. Dann tun sie mir gut, rappeln aber ohne Frage ganz ordentlich im Karton, wenn es um die hart umkämpfte effiziente Zeitplanung geht. Aber eigentlich fällt es mir bei genauem Hinsehen schwer, sie unter Dysbalance abzubuchen.

Ich bin jedenfalls froh, dass mein Geschäftspartner weiß, dass in diesen Luftlöchern Dynamik steckt. Dass er sie obendrein zu nutzen versteht, zeigt sein kreativer Vorschlag mit dem Gehspräch. Wir sind übrigens auch in der Sache einen großen Schritt weitergekommen.

 

Foto: (c) T V Kortmann