Gekachelter Strand

Eines meiner Lieblings-Gesellschaftsspiele ist Tabu: Wörter erklären, ohne bestimmte, nahe liegende Begriffe zu verwenden. Ist man an der Reihe, zieht man eine Karte. Auf dieser Karte ist mittendrauf ein Strich. Darüber steht der Begriff, den man erklären soll – auf Zeit, damit es nicht zu einfach wird. Unter dem Strich stehen vier Begriffe, die man auf keinen Fall beim Erklären verwenden darf (den über dem Strich natürlich auch nicht). Natürlich alles nahe liegende Begriffe, klar, sonst wäre das Spiel ja pillepalle. Verstanden? Dann geht es jetzt los, die Zeit läuft, die Karte ist gezogen. Unweigerlich starre ich wie das berühmte Kaninchen-vor-der-Schlange auf die Karte und alle Begriffe, die mir in den Kopf kommen, gehen nicht. Der Brockhaus schrumpft plötzlich auf Postkartengröße,der Kopf ist leer, die Kreativität ins Nirwana abgetaucht, akuter Anfall von Denkblockade. Und das bloß, weil es darauf ankommt, jetzt darauf ankommt. Alles ist falsch, nichts geht. Ist gar nicht so einfach, dieses Tabu.

Gekachelter Strand

Was müsste wohl auf der Tabu-Karte unter dem Strich stehen, wenn es oben um “Bewerbung” geht? Mir fällt da spontan ein: Flexibilität, Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Leistungsbereitschaft. In fast jeder Bewerbung kommen sie vor, diese vier lobenswerten, echt guten Eigenschaften. Offenbar geht es nicht ohne, sie sind ganz ganz wichtig. Also müsste man, wenn man flexibel, teamfähig, belastbar und leistungsbereit ist, totsicher in die engere Kandidatenauswahl kommen. Nur – leider funktioniert das nicht ganz. Sie gehen alle vier gar nicht. Und doch zieren sie artig so gut wie jede Bewerbung und fallen bei Personaler mit konsequenter Boshaftigkeit durch. Zur Beschreibung der eigenen Kompetenz reichen sie nicht aus, als Differenzierungsmerkmale taugen sie nicht, bei aller Wertschätzung.

Was also tun? Beim Tabuspielen hilft es ungemein, den Blick vom Naheliegenden – der Karte – weg zu lenken, sich auf sich selbst zu besinnen, dem Druck der Allgemeinplätze mit Pfiffigkeit und Ideenreichtum zu begegnen. Was macht Sie aus, was können Sie gut, was lieben Sie an Ihrer Arbeit? Richtige Schwergewichte in der Selbstdarstellung entstehen oft aus dem Erinnern der allerersten eigenen Berufswünsche oder der Dinge, die man schon immer gerne und mit Leidenschaft gemacht hat. Das bedeutet, durchaus mal in die eigene Vergangenheit tief einzutauchen und sich zu trauen, Persönliches in die Bewerbung einfließen zu lassen, aber es lohnt sich. Tiefe Wahrheiten und Beweggründe finden so ans Tageslicht, die man durchaus in eine Bewerbung einbauen kann, die sie ebenso individuell wie überzeugend machen. Werben Sie mit sich selbst, nichts beeindruckt stärker.

Vielleicht fragen sie sich, warum dieser Post so einen seltsamen Titel hat – gekachelter Strand. Vor ungefähr zehn Jahren hat so einmal jemand den Begriff “Swimming Pool” umschrieben. So pfiffig, dass ich immer noch darüber lachen muss.



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