Emotion schlägt Vernunft: Warum die Chemie so wichtig ist

Kennen Sie das? Ein neues Auto soll her. Bei mir ist das immer wieder dasselbe: erst wird recherchiert, was das Zeug hält, in Prospekten und im Internet, ich vergleiche Preise, Verbrauch, Optik. Das kann Wochen dauern. Am Ende, wenn die Entscheidung dann endlich steht, habe ich mich immer im Verdacht, dass ich mir eigentlich in die Tasche lüge. Wieso dann also dieser ganze Aufwand? Beim letzten Auto sollte das anders werden. Ich habe es mir einfach gemacht: eine reine Bauchentscheidung und gut war’s. 

Die zwei Ebenen der Wahrheit

Der Autokauf ist nur ein Beispiel, wie wir Menschen Entscheidungen treffen. Wenn wir jemanden mögen, sind wir nachsichtig, sehen über Fehler hinweg. Fehlt uns das Interesse an einer Sache, haben wir halt keine Zeit dazu. Das, was wir als Begründung äußern, ist eine hübsche Verpackung, von der wir annehmen, dass unser Umfeld sie als rational begründet akzeptiert. Ganz häufig betreiben wir eine ganze Menge Aufwand, um die Rationalität von Bauchentscheidungen salonfähig zu verpacken. Tja, sogar im Business. Auch im Recruiting.

Ein bisschen Unvernunft ist doch ganz vernünftig

Die Chemie muss stimmen, damit Menschen gut zusammenarbeiten und umwerfende, richtig tolle Ergebnisse erzielen. Wer sich mag, geht aufeinander ein – so einfach ist das. Und obwohl dieses Argument am Ende immer wieder zieht, wird gerade im Recruiting viel Aufwand betrieben. Das Kognitive dominiert erst einmal, die fachliche Eignung des Bewerbers wird auf Herz und Nieren, aber vor allem mit ganz viel Kopf geprüft. 

Dass die Zerlegung der Bewerbungsunterlagen oder das kritische Beäugen im Bewerbungsgespräch (wo wir schon bei der Chemie sind: Ein fachlich kompetenter Bewerber, die Angst vor der Arbeitslosigkeit im Gesicht steht, macht selten Boden gut) sind wichtig. Kognitive Kompetenzen gewinnen in der digitalisierten Arbeitswelt sogar noch dazu. Im Recruiting gibt es meistens sehr klare Vorstellungen, was unser Idealkandidat können muss, welche Erfahrungen er mitbringt und wo er gearbeitet hat. Schwächeln seine Unterlagen, wird der Bewerber ausgesiebt, der Papierkorb wird Endstation. Doch vor allem muss da was rüberkommen, da reicht die Papierlage nicht. Deswegen ist das Vorstellungsgespräch so wichtig. Wer hier vergeigt, kann gehen – auch wenn das Schriftliche noch so gut war.

Lügen wir uns da nicht ein bisschen selbst in die Tasche, wenn es am Ende doch wieder auf die Chemie ankommt? Es ist ein bisschen wie beim Eislaufen: Wer die Pflicht schafft, muss auch in der Kür bestehen, der Funke muss überspringen. Fachliche Eignung allein macht das Rennen nicht. Erst, wenn man menschlich eine gemeinsame Linie sieht, passt es. Das ist gut so, auch in einer digitalisierten Arbeitswelt. Schließlich kommt es vor allem darauf an, dass das Team funktioniert und alle Hand in Hand arbeiten. Jetzt und auch in Zukunft.

Aber vielleicht sind wir ja bald ein bisschen weiter (weiser?) und wagen mehr Chemie. Denn wenn die stimmt, macht Teamarbeit Spaß und fluppt. Ergebnisse entstehen, vielleicht sogar ein bisschen Design Thinking. Wer sagt denn, dass man in einer tollen Atmosphäre nicht auch viel besser lernen kann?

Ach ja: mein Auto und ich sind ein tolles Team. Auch wenn ich die Kiste eigentlich potthässlich finde. Aber das bleibt unter uns!