Ein Hoch auf die Fabrikhalle. Vergesst den Konferenzraum.

Es hat mich ganz schön zum Nachdenken gebracht, dieses Erlebnis. Letzten Mittwoch habe ich an einer Veranstaltung teilgenommen, die in einer großen, kahlen Industriehalle stattfand. Vom Eingang aus durch einen Fertigungsbereich, im Zickzack an Testständen vorbei, dann rein in die große, offene Halle mit schwarzem Kunststoffboden und Skelettbauwänden. Die bodenlang orange drapierten Stehtische waren richtig schick, Catering, Präsentationsleinwand und Tontechnik top. Aber es war halt eigentlich ein, nun ja, zweckmäßiger Raum. Und ziemlich kalt obendrein.

Seltsam war vor allen Dingen, dass gut einhundert Personen in Businessgarderobe, einander weitgehend fremd, ohne Probleme miteinander ins Gespräch kamen. Von Skelettatmosphäre kann keine Rede sein. Gut, der eine oder andere brauchte etwas länger, dann wurde fleißig erzählt, geplaudert, neugierig gefragt. Es entstanden viele kleine Stehtisch-Gespräche, meist in Dreier- oder Viererrunden. Zwischenzeitlich brummte die Industriehalle, nirgendwo wirkten die Gesprächsrunden gezwungen oder mühsam. Wie das? Wir waren uns vor einer knappen Stunde noch völlig fremd. Und jetzt diese locker-gesprächige Atmosphäre! Als nach einer Stunde zum offiziellen Teil gerufen wurde, einem hochkarätigen Impulsvortrag, waren die Stuhlreihen leer. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich alle Gespräche aufgelöst hatten, trotz des attraktiven Vortragsthemas. Die Gespräche waren gut, ganz ohne Zweifel.

 

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Das ist nicht immer so. Bei Bewerbungsgesprächen zum Beispiel. Dabei ist die Ausgangssituation gar nicht so verschieden: Beide Seiten treffen sich zum Business-Date, wissen, um was es geht und jeder hat eine klare Erwartung im Kopf. Man fragt sich, man erzählt sich. Aber eine entspannte Atmosphäre? Die geht meistens anders.

 

So geht es immer, so funktioniert es nicht

Beide Seiten wollen sich von ihrer jeweilig besten Seite zeigen – was in der repräsentativen Atmosphäre eines Konferenzraumes ja schließlich auch ganz angemessen ist. Man hat ein, zwei Stunden Zeit und will am Ende den anderen besser kennen, eine fundierte Entscheidung von einiger Tragweite treffen können. Es geht zwar nicht um Leben oder Tod, aber fast. Es geht um Unternehmenserfolg, um Karriere, Wohlstand, Work-Life-Balance. Wer eine solche Entscheidung treffen will, hat keine Wahl. Auf den grauen oder schwarzen Bürotisch im Konferenzraum gehören die Karten offengelegt. Von beiden Seiten, durch den Unternehmensvertreter und durch den Bewerber.

Und da genau wird es kritisch. Hier gerät die Sache aus dem Ruder. Hier ist exakt der Punkt, an dem die Gespräche anders laufen als letzten Mittwochabend. Was sicher nicht nur an den schicken orangen Tischen lag.

 

Finde den Fehler

Bewerbungsgespräche haben einen systemimmanenten Fehler. Schließlich heißt es ja immer wieder, das Bewerben von Werben käme. Und dass Werbung nicht die Wahrheit ist, weiß doch jedes Kind.

Ganz schön blöd, wer glaubt, dass der Burger nach dem Entpacken genauso reizvoll aussieht wie auf dem Umkarton. Unternehmen und Bewerber wollen sich von ihrer besten Seite zeigen, halten sozusagen ihren persönlichen Umkarton in den Raum.

Dann braucht es keinen zu wundern, wenn der Wunsch, den Bewerber als Mensch kennen zu lernen, in die Frage nach Stärken und Schwächen verpackt wird. Und die Antwort aus zwei, drei immer wiederkehrenden Begriffen besteht – hübsch unangreifbar, salonfähig und nichtssagend.

Vielleicht steckt ja in dem griffig begründeten Lebenslauf ohne Lücken, Ecken und Kanten wirklich ein idealer Kandidat. Aber der Karton ist lichtdicht und lässt keinen Blick in das Innerste zu. So sehr sich der Firmenvertreter müht und seine Geduld sich schließlich in einem glasigen Blick entlädt, die Schachtel bleibt zu. All diese ätzenden, stereotypen immer wiederkehrenden Fragen sind nichts anderes als verzweifelte Versuche, endlich ein Loch in den Karton zu reißen, dem da drin soll (ach was: muss endlich) ein Licht aufgehen.

 

Selber schuld! Alle beide.

Ein riesengroßer Vorteil in der Fabrikhalle waren vielleicht die Stehtische. Wem ein Gesprächsfaden zu fade wurde, griff sich ein Schnittchen vom Buffet und wanderte an einen anderen Tisch, hörte zu und redete dann dort mit. Ganz zwanglos.

Vielleicht hilft Bewegung ja auch dem Bewerbungsgespräch auf die Sprünge. Liebe Personalentscheider, geht doch mal raus in eure Fabrikhallen, in eure Büros, an die Arbeitsplätze, die ihr mit euren Bewerbern besetzen wollt. Oder trinkt den Kaffee in der Kaffeeküche mit den Fachleuten, den zukünftigen Kollegen, von Mensch zu Mensch. Sprecht fachlich, seid wie immer, vielleicht sogar authentisch. Ihr auch, liebe Bewerber. Und wenn euch die Idee anspricht: fragt danach, bittet um Einblick. Sagt, was ihr wissen wollt. Dann haben es alle einfacher mit dem Durchblick.