Die Schere am Arbeitsmarkt: Erwartung trifft Realität

Es ist schon seltsam: das Thema Fachkräftemangel ist überall präsent, treibt mediale Sorgenfalten auf die Stirn der Gesellschaft. Der Arbeitsmarkt wird hier und da schon als „Bewerbermarkt“ beschrieben – will heißen, der Bewerber wählt sich seinen nächsten Arbeitgeber aus, nicht umgekehrt.

Unternehmen bemängeln anderseits die mangelnde Qualität von Bewerbungen – zu wenig auf die angebotene Position bezogen, überzeichnete und häufig nicht verifizierbare soziale Kompetenzen, zu viel Schnickschnack, Rechtschreib- und Formatierungsfehler in Massen. Zwar ist die Zahl der eingehenden Bewerbungen in Zeiten der Online-Bewerbungen hoch, doch bindet die Trennung von Spreu und Weizen zu viel Zeit in den HR-Abteilungen. Was dann noch an hochwertigen Bewerbern übrig bleibt? Erschreckend wenig.

Bewerber, offenbar doch hochqualifiziert durch Masterabschluss, Auslandserfahrung und nachweislich breitem Horizont, schreiben eine dreistellige Anzahl von Bewerbungen und finden keinen Job. Sie sind irritiert durch fehlende Rückmeldungen der Firmen, genervt durch nichtssagende Antworten auf telefonische Nachfragen und enorm lange Entscheidungszyklen nach Vorstellungsgesprächen. Wer Glück hat, ist schnell weg. Alle anderen mühen sich über eine monatelange Durststrecke.
Gute gemeinte Empfehlungen an die jeweils andere Seite sind dicht gesät: Bewerber mögen bitte präziser auf die Anforderungen der Jobbeschreibung antworten, das optimierte Lesen der Bewerbungsmappe gleich mit im Blick haben, von Nachfragen über Monate absehen. Unternehmen hingegen sollten ihre Bewerberportale sachgerechter gestalten, mehr Zeit in die Kontaktpflege investieren, Ankündigungen einhalten.

Deutschlands Mittelstand ist voll von interessanten Unternehmen mit spannenden Jobs, kann im europäischen Vergleich mit deutlich überdurchschnittlicher Arbeitsplatzsicherheit aufwarten. Selbst in den Mangelberufen gibt es andererseits erstaunlich hohe Arbeitslosenzahlen statt einer den Fachkräftemangel verifizierenden Vollbeschäftigung. Ganz offensichtlich klafft hier eine Schere. Problembeschreibungen gibt es viele, aber wo bleiben die Lösungen?

 

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