Das Homeoffice ist tot – es lebe das Büro!

IBM hat sich zum radikalen Schnitt entschieden und will das Homeoffice abschaffen – für europäische Erwerbstätige klingt das wie ein schlechter Scherz. Für uns ist der Heimarbeitsplatz der Inbegriff moderner digitaler Arbeitskultur und ein liebgewordenes Abwerbeinstrument im Kampf um die besten Talente. Und nun sowas – ist IBM verrückt geworden?

Nur beim Arbeiten „Schulter an Schulter“ entsteht echte Kreativität und Inspiration – so sagt zumindest Michelle Peluso, Marketing-Chefin bei IBM. Huch, denke ich – seit 1980 ist IBM der Vorreiter in Sachen Heimarbeit und jetzt sowas!

In Deutschland sind Unternehmen nach wie vor offen für die Home-Office-Lösung, wie eine ziemlich neue Studie des IFO-Instituts zeigt. Vor allem große Firmen bieten ihren Mitarbeitern die Freiheit der Arbeitsplatzwahl gern an, zumal dieses Goodie für Unternehmen preisgünstig zu haben ist, bei Neueinstellungen aber gleichzeitig hoch im Kurs steht.

Es lebe das Home Office!

Dass bei Jobwechslern die Home-Office-Regelung ganz oben auf der Wunschliste für den neuen Arbeitsplatz steht, kann ich aus meinen eigenen Kandidatenkontakten bestätigen. Wenn die Kita mal wieder streikt, die Grundschule wegen Masern geschlossen hat oder die Autobahn Vollsperrung meldet, wird das Homeoffice zum Segen. Mit einer Hand arbeiten, mit der anderen den Nachwuchs domptieren. Mal flott die Mails abarbeiten statt stundenlangem Staustehen, das ist wie Wochenende schon ab Mittwoch. Aber auch weniger dramatische Situationen lassen sich im Home-Office leichter meistern. Im ruhigen Wohnzimmer lässt es sich besser nachdenken und konzipieren als wenn das Telefongequatsche des Kollegen alle naselang die hart erkämpfte Konzentration zunichtemacht.
Übrigens spart das Homeoffice den Arbeitgebern ganz ordentlich Kosten – selbst dann, wenn ein extra Drucker oder ein besonderes Telefon angeschafft werden muss. Denn Büroflächen sind teuer, Infrastukturkosten wie Wasser und Strom sinken, an Parkplätzen und Jobtickets kann gespart werden. Oder anders ausgedrückt: Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist das Homeoffice ein Segen.
Wenn das Homeoffice eine so herrliche Win-Win-Situation ist, warum schafft IBM sie dann ab?

 

Homeoffice ist so schön bequem

Auf den ersten Blick wirkt das, was IBM da macht, wie ein Rätsel. Wer im Homeoffice arbeitet, hat seine Ruhe. Kein Kollege stört, nirgendwo sonst ist Fokussieren auf die Arbeit leichte. Aus dem heimatlichen Fenster ins heimelige Grün zu schauen ist genau die richtige Übersprunghandlung, um die Konzentration zwischendurch mal schnell aufzuladen. Telefon, Messenger, Skype helfen die räumliche Distanz zu den Kollegen zu überbrücken. Ein geordneter Arbeitstag, in den sich private Belage prima ganz nebenbei hineinweben lassen. Arbeiten voll konzentriert und in aller Ruhe. Und genau in dieser Ruhe liegt Tücke. Bequemlichkeit macht dumm. Nicht nur Sie und mich, sogar ganze Unternehmen.

 

Der Haken bei der Sache

Da sitzt man also in seinem Heimbüro, denkt voraus, schreibt auf, holt sich einen Kaffee, denkt weiter. Und schwupp! steht die ganze Chose. Das Konzept ist fertig, der Entwurf steht, die Arbeit ist getan. Aber nur scheinbar. Arbeiten im Team lebt vom Austausch, von Impulsen, von manchmal kontroversen, schwer zu integrierenden Ideen. Was als Störung erlebt wird, ist nicht selten der Impuls, der die banale Idee zu einer wegweisenden Neuerung macht. In der Einsamkeit des Homeoffice liegt nicht nur Ruhe, sondern auch ein Mangel an Impulsen. Keiner da, der wissen will, wie die Arbeit vorangeht. Keiner da, dem man den Plot der Story erzählen kann. Und deswegen ist auch keiner da, der die eigene Arbeit mit dummen Fragen, witzigen Kommentaren und schlauen Bemerkungen aufpeppen, befruchten und innovieren kann. Das gibt es nur im Büro, unter Kollegen, auf dem Weg zur Kaffeeküche, beim Schwatz in der Kantine oder unterwegs zum Kopierer.

 

Agiles Arbeiten in der Arbeitswelt Viernull

Das Zauberwort heißt Innovation. Kein Unternehmen kann heute mehr in aller Ruhe vor sich hin dümpeln, denn die Konkurrenz schläft nicht. Wer nicht Acht gibt, wird rechts überholt, ehe er sich versieht. Unternehmer fragen sich ständig: Wie kann ich meine Produkte, meine Dienstleistungen verbessern? Wie kann ich Risiken minimieren, Kosten senken, Kunden zufriedener machen? Innovationen zu schaffen, ist nicht trivial, denn sonst hätte ja schon irgendwer zuvor die zündende Idee gehabt. Innovationen entstehen in Diskussionen, aus unterschiedlichen, auch mal konträren Ideen, die geprüft, gewendet, bewertet, verworfen und wieder hervorgeholt, verglichen, analysiert, konsolidiert und schließlich für gut befunden werden. Ein bequemer Prozess ist das nicht. Reibung gehört dazu, Reibung erzeugt im besten Fall Wärme, immer aber ganz ordentlich Druck auf dem Kessen. Innovationen werden nicht auf kleiner Flamme gekocht, da ist wirklich Dampf dahinter. Innovationen entstehen weder im Nirwana noch im einsamen Elfenbeinturm. Sie entstehen aus der Interaktion von Menschen, die manchmal heftig verschieden sind – so genannten heterogenen Teams. Genau diese Reibung, diesen Überdruck im Kessel braucht es, damit Innovationen entstehen.

 

Das Team macht’s

Damit die Innovation eine solche wird, braucht es unterschiedliche Typen: den Kreativen, den Strukturierten, den Chaoten, den Logiker, den Empathischen. Aber immer ein Team, das sich mit der Sache auseinandersetzt. Ein Wir, das an und mit seinen Aufgaben wächst, das Ziel im gemeinsamen Blick. Egal, ob es in der Kreativagentur um einen Markenauftritt geht, die Konzeption einer Biometrie-Software oder einen völlig verrückten disruptiven Ansatz: Am Anfang steht Zusammenarbeit. Und zwar ganz direkt und unmittelbar, in einem Raum. Vielleicht nicht unbedingt Schulter an Schulter, wie es Michelle Peluso formuliert hat. Aber von Angesicht zu Angesicht, in einem Raum, an einem Whiteboard, um einen Tisch.
IBM ist übrigens nicht allein mit dieser Idee: Facebook, Amazon, Google und andere weltweite Innovationsriesen gestalten ihre Büros als riesige Zentralen der Zusammenarbeit. Homeoffice ist dort eine zu vernachlässigende Größe, die Standorte dieser Zukunftsgiganten sind Kreativräume. Das ist kein Zufall, sondern ein Tribut an die digitale Revolution, die immer schnellere Innovationszyklen fordert. Wer das verstanden hat, hat gute Chancen, ganz vorn mitzuspielen.