Ist Rechtschreibung ein KO-Kriterium?

Ratschläge zum Thema Rechtschreibung in der Bewerbung gibt es wie Sand am Meer. Wegen der Art der Ratschläge und auch ihrer scheinbaren Schlüssigkeit stellen sich mir immer wieder die Nackenhaare auf. Um meine Frisur im Alltag über die Runden zu retten, muss dieser Artikel jetzt einfach sein. 

Die Aussage, dass fehlerhafte Rechtschreibung ein sicherer Grund sind, dass eine Bewerbung im Mülleimer landet, ist schlicht falsch.

Richtig ist: eine schlampig verfasste Bewerbung wandert totsicher dorthin. Eine größere Zahl an Fehlern in Rechtschreibung und Zeichensetzung ist dann ein Problem, wenn es bei der Bewerbung um eine Position in der Textgestaltung geht. Dann ist der Kandidat tatsächlich draußen, die Bewerbung im Papierkorb. Eine offensichtlich sorgfältig verfasste Bewerbung verträgt den einen oder anderen Buchstabendreher oder auch ein falsch gesetztes Komma. So halte ich es in der Bewerbungsbewertung und ich bin, so sagen meine Kollegen, damit nicht alleine. Und doch hält sich das Gerücht.

Ein heißer Tipp: die Zeiten ändern sich

Ein Blick in die Geschichte hilft, das Phänomen besser zu verstehen:

In den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts waren Unternehmen in der komfortablen Situation, aus vielen Bewerbungen auszuwählen. Weil die Zahl eingehender Bewerber sehr groß war, konnte der Filder auf die einwandfreie Rechtschreibung die Bewerbungseingänge auf ein akzeptables Maß eindampfen. Eine Chefsekretärin eines mittelständischen Unternehmens berichtete mir damals mit stolzer Stimme, dass der Geschäftsführer sie so die Erstsichtung machen ließ, um die Zahl der durch ihn noch zu prüfenden Bewerbungen auf maximal 30 zu begrenzen. Sie war also eine echte Hilfe, gar kein Zweifel.

Den Luxus derartig zahlreicher Bewerbungseingänge kennen Unternehmen heute kaum noch, vor allem Mittelständler leiden unter einem demografiebedingten Bewerberschwund. Es kommen noch ein paar Gründe dazu, die aber für die Betrachtung des Phänomens aus Bewerbersicht hier egal sein sollen.

Wenn aber sowieso nur wenige Bewerbungen eingehen, dann ist das Risiko groß, nicht genau genug hinzuschauen. Wenn ein Unternehmen einen Spezialisten sucht, beispielsweise in der Nanochemie, der industriellen Steuerungsentwicklung, einen Vertriebsleiter in einem Nischenmarkt oder etwas Ähnliches, muss der Recruiter sich sehr genau überlegen, in welcher Reihenfolge er Bewertungskriterien anlegt. In diesen Fällen wäre es schlicht fatal, zuallererst auf eine einwandfreie Rechtschreibung zu achten. Nicht auszudenken, wenn der Idealkandidat ausgerechnet Legastheniker ist! Recruiter setzen ihre Kriterien in der Regel sehr sorgfältig und mit einem hohen Grad an Fachkenntnissen. Und, liebe Bewerber, Recruiter wollen nicht nur besetzen, sie müssen es auch! Zudem, entgegen der landläufig latent ausgedrückten Auffassung: sie sind keine Bewerberfresser und haben selbst auch Karriereambitionen. Ein guter Recruiter ist einer, dem Besetzungen schnell und sicher gelingen. Und auch ein Recruiter muss gut sein, um Karriere zu machen.

Das ist gar nicht so schwer zu verstehen, oder? Warum sich das Gerücht trotzdem hält wie ein altes Stück Zwieback im Küchenschrank, hat seinen Grund.

Was Bewerbung und Prüfung gemeinsam haben

Eine Bewerbung ist wie eine Prüfungssituation: es geht um richtig viel, Fehler sind fatal. Um alles richtig zu machen, ist jeder Ratschlag willkommen. Was sich einigermaßen plausibel anhört, wird befolgt. Zumindest solange, wie sich die Ratschläge im nachvollziehbar Faktischen bewegen und sich relativ leicht umsetzen lassen. Genau darin sind Ratgeber-Ratschläge gut: in Themen, die sich nach dem Schulnotenprinzip bewerten lassen: Rechtschreibfehler, Formatierung, Aufbau, Foto – kurz gesagt: den „klassisches“ Dos und Don‘ts. Doch auf eine noch so große Zahl plausibler Ratschläge zu hören, die am Thema vorbeigehen, nützt genauso wenig wie heftiges Rudern in die falsche Richtung, wenn das Wesentliche fehlt.

Was die einschlägigen Ratgeber gern verschweigen:  eine Bewerbung ohne jeden orthografischen Mangel landet mindestens genauso zwangsläufig im Papierkorb. Und zwar schlichtweg immer dann, wenn die Bewerbung am Thema der Ausschreibung vorbeigeht. Da hilft weder die DIN-konforme Formatierung, das ultimative Bewerbungsfoto noch eine keim- und fehlerfreie Rechtschreibung.  

In der Deutschstunde wurden Aufsätze, die am Thema vorbei geschrieben waren, vom Deutschlehrer verrissen. Jetzt ist es der Recruiter, der dasselbe Prinzip anwendet. Liebe Bewerbende, dieser Fehler ist leider, leider in einer unglaublich großen Zahl an Bewerbungen der Ablehnungsgrund. Wer sich die Mühe macht (Mühe ist hier wirklich sehr ernst gemeint, denn das ist nicht trivial), seine Passgenauigkeit auf die Position in klare Worte zu kleiden, der hat einen unglaublichen Wettbewerbsvorteil. Diese Mühe machen sich übrigens auch viele sogenannte Bewerbungs-Coaches nicht. Blöde eigentlich, denn es ist tatsächlich deutlich einfacher, die dazu notwendigen Details aus einem gegenüber sitzenden Menschen heraus zu kitzeln als sie sich selbst einfallen zu lassen. Aber keine Sorge, oft können auch Freude oder die Familie helfen, wenn die persönlichen Assets nicht trennscharf vor dem eigenen geistigen Auge erscheinen wollen. Die kennen einen schließlich gut und sind meistens auch noch zum Helfen motiviert.