Bewerbung: Anschreiben bitte nicht zu üppig!

Anschreiben sind aber oft mindestens so dicht gepackt mit Informationen wie die Kalorien in der Torte und nicht selten genauso schwer verdaulich. Dabei steckt im Anschreiben die große Chance: es liegt zuoberst in der Bewerbungsmappe mit dem Zweck, zuerst gelesen zu werden – sozusagen Begrüßung und Händeschütteln mit Fernwirkung.

Erst einmal die reine Lehre:
Ein Anschreiben soll a) den Bewerber vorstellen, ihn b) für die angebotene Position als den geeigneten Kandidaten darstellen, ihn c) aus der Masse heben und auch noch d) zwischen den Zeilen einen erstklassigen Eindruck hinterlassen. Und das alles auf einer einzigen, korrekt nach DIN 5008 formatierten Seite, frei von Rechtschreibfehlern.

Genau. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein häufiger Fehler ist, dass Punkt a) viel zu viel Raum einnimmt, b) nur vermeintlich getroffen wird, wodurch c) und d) einfach auf der Strecke bleiben.
Der Grund ist simpel: Um sich in ein möglichst gutes Licht zu rücken, komprimieren viele Bewerber meist all Ihre Vorzüge auf eine Seite. Das wirkt dann oft sehr dicht  – wie die Kalorien in meiner Torte. Der Bezug zur ausgeschriebenen Stelle verliert sich dabei leicht in der Masse der Information.

Ein Beispiel: Dass ein Wirtschaftsprüfer neben sechs Jahren Erfahrung in der Jahresabschlussprüfung internationaler Konzerne zusätzlich vier Sprachen fließend spricht, interessiert nur dann, wenn die Kanzlei in den entsprechenden Regionen tätig ist. Vielleicht ist der Leser des Anschreibens beeindruckt, vor dem Papierkorb rettet ihn der Zusatz nur in letzterem Fall.

Und gleich noch ein weiteres: Eine Politologin bewirbt sich auf eine Stelle bei einer Bank, die eigentlich für Betriebswirtschaftler ausgeschrieben ist. Statt all ihre Meriten im Studiengebiet aufzuzählen, legt sie dar, dass sie durch ihr Auslandspraktikum genau die geforderten Erfahrungen in der kommerziellen Projektbewertung mitbringt. Damit nimmt sie die Frage des Lesers vorweg, was denn eine Geisteswissenschaftlerin zu dieser Position beruft. Hier reicht es, im Anschreiben eine „Duftmarke“ zu setzen, die das Interesse des Lesers weckt. Zeugnisse und Lebenslauf tun dann ihren Teil dazu.

Auch sehr beliebt sind klangvolle Worthülsen: Sie sind ein Teamplayer, sind motiviert, engagiert, leistungsbereit? So schön das klingt: die Inhalte dieser Begriffe sind individuell und brauchen Erläuterung. Aus der Masse heben Sie diese Begriffe nicht. Überlassen Sie es Ihren Zeugnissen, sie zu verwenden. Dort wirken sie, in Ihrem Anschreiben sind sie fehl am Platz.

Ein schönes Beispiel für die Selbstdarstellung ohne solche Worthülsen habe ich hier gefunden. Kein Anschreiben im reinen Wortsinn, aber eine gute Selbstdarstellung in Freiform als Initiativbewerbung. Die Wirkung sehen Sie gleich darunter.
Im Weglassen liegt die Kunst. Lassen Sie sich dabei von den Anforderungen in der Stellenausschreibung leiten. Und dennoch: das Anschreiben ist der richtige Ort, sich als Person interessant zu machen. Neben dem Inhalt zählen Stil, Orthografie, Grammatik und nicht zuletzt der gute Ton. Aber gerade wegen seiner Textdichte wird das Anschreiben oft eher quer- als detailliert gelesen.

Möglicherweise liest der HR-Verantwortliche aus Ihrem Anschreiben, dass Sie kulturell ins Unternehmen passen. Und das ist schon ziemlich viel für eine DIN A4-Seite.