Arbeit soll Sinn machen. So ein Schmarrn!

Sind Sie auch einer von den Menschen, denen eine sinnvolle Beschäftigung wichtiger ist als ein hohes Einkommen? Dann gehören Sie zu einer Mehrheit, die gerade gefühlt ordentlich boomt. In letzter Zeit rede ich mit enorm vielen Menschen, die gern auf Einkommen verzichten würden, wenn sie dafür eine Arbeit fänden, die wirklich sinnvoll ist. So nett und bescheiden das klingen mag: Ein bisschen mehr Sinn kann man aber nicht einfach so gegen Geld aufrechnen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Idee von der sinnvollen Arbeit einen ganz ordentlichen Haken hat.

Arbeit soll Sinn machen

Einkommen ist zähl- und messbar, da kommt man schnell auf einen Nenner, was zu den eigenen Ansprüchen passt und was nicht. Ein Ziel von, sagen wir 10 % mehr Gehalt lässt sich leicht verfolgen, darüber kann man reden. Vor 10 % mehr Sinn kann auch die erfahrene Personalberaterin nur kapitulieren. Arbeit soll Sinn machen – das klingt schon fast banal. Wenn ich diese Sinnseufzer höre, frage ich mich, ist deren aktueller Job denn etwa total sinnfrei? Wieso hat der Sinnseufzer dann diesen Job angenommen?  

Sinnlose Arbeit gibt es nicht

Mehr Sinn lässt sich nicht nur schwer in Zahlen ausdrücken, mehr Sinn ist überhaupt schwer zu fassen, weil Sinn nun mal keine absolute Größe ist. Sinn ist eine sehr persönliche Angelegenheit, die Außenstehenden nur näherungsweise vermittelbar ist, wenn überhaupt. Keine Arbeit bewegt sich im luftleeren Raum, jeder Job tut seinen Teil in irgendeinem System. Sinn ist schon da, er lässt sich halt oft vor lauter Trott nur schwer entdecken. Aber wenn ein Rädchen im Getriebe mal fehlt, in Urlaub ist, dann zeigt sich der Sinn im Job eben beim Kollegen, der dessen Abwesenheit spürt. Denn jedes große und jedes noch so kleine Rädchen im Getriebe ist wichtig, damit die ganze Sache am Laufen bleibt.

 

Erfolg macht Sinn. Laut und deutlich.

In einem meiner Lieblingsbücher gibt es ein sehr anschauliches Beispiel. Es geht um einen Tiefbaubetrieb, in dem lauter Ingenieure hoch anspruchsvolle Arbeit leisten. Ein Kollege, ein ungelernter Hilfsarbeiter, macht einen scheinbar unbedeutenden Nebenjob. Dieser Mann prüft den ganzen Tag Karten. Er stellt fest, ob es im Boden irgendwo Hindernisse und Gefahrenquellen gibt, die die Ingenieure in der erfolgreichen Erbringung ihrer spektakulären Leistung behindern würden. Diesen Job erledigt er ganz still und leise. Kaum einer der Ingenieure nimmt von ihm und seiner Arbeit überhaupt Notiz. Bis der Chef eines Tages diesen Mann für seine beständig verlässlichen Leistungen vor allen anderen Kollegen lobt. Denn ihm sei es zu verdanken, dass das Unternehmen über Jahre hinweg erfolgreich gute Arbeit erbringe. Nicht auszudenken, wenn einmal eine Hauptversorgungs­leitung getroffen worden wäre! Das wäre teuer und rufschädigend gewesen. Dieser Hilfsarbeiter macht fehlerfrei seine Arbeit und legt so die Basis für den Erfolg für das ganze Unternehmen. Oder anders gesagt: der Chef widmet mal eben den nachrangigen Hilfsjob zu DER zentralen Aufgabe im Unternehmen um. Und was passiert? Nach diesem Lob legt sich der Mann sich mehr denn je ins Zeug, nimmt zu an Selbstbewusstsein und ist erkennbar bis in die Haarspitzen motiviert.

Was ist denn „Sinn“?

Das Beispiel macht es deutlich: Kaum wird Anerkennung ausgedrückt, springt einem der Sinn der eigenen Arbeit förmlich ins Gesicht. Die in Worte gefasste Anerkennung wird zum Erfolgserlebnis, das Auftrieb gibt und zufrieden macht. Lob und Wertschätzung sind wie Siegerpokale des Alltags. Anerkennung heißt, etwas wichtiges für andere geleistet zu haben. Anerkennung ist Bestätigung, dass ein ordentlicher Schluss Altruismus und Selbstaufgabe sich eben doch lohnt. So kommt selbst eine relativ schlichte Zuarbeit zu einem bombastischen Wert, die man der eigenen Leistung niemals selbst so laut und deutlich zuschreiben würde. Von dieser Anerkennung lässt sich eine Weile zehren. Schade nur, dass diese Art von Siegerpokalen sich nicht im Regal platzieren lassen. Ohne das Sinnsymbol vor Augen verblasst das Erfolgserlebnis schnell, der Alltag hat uns wieder.  

 

Sinn ist eine zerbrechliche Angelegenheit

Der Alltagstrott ist wahrscheinlich der größte Feind von jedem Sinnempfinden. Aufstehen, zur Arbeit gehen, Erwartetes erledigen, Mittagspause, Erwartetes erledigen, Feierabend. Schlafen, aufstehen, alles wieder von vorne. Wo ist da Raum für Erfolgserlebnisse? Zwar greift alles perfekt ineinander, Prozesse fluppen wie geschmiert. Leidenschaft und Begeisterung bleiben bei aller Perfektion auf der Strecke. In unseren optimal durchstrukturierten Arbeitswelten verbirgt sich der Sinn im Alltäglichen. Lässt er sich nicht entdecken, soll ein Raus aus dem Trott die Lösung bringen. Und dann?

 

Sinnträume fernab der Realität

Traumberufe gibt es viele. Außenstehende nehmen deren Renommee wahr, aber auch Traumberufe stecken voller Alltagstrott. Übernächtigte Krankenhausärzte, ausgebrannte Piloten und dauergestresste Stewardessen sind eher die Regel als die Ausnahme. Traumberufe sind eben Traumbilder, in denen weder nächtliche Notoperationen als Höhepunkt einer 48-Stunden-Schicht noch Kerosinmangel in der Warteschleife überm Flughafen vorkommen. Selbstständigkeit ist auch keine Lösung: sie bietet zwar deutlich weniger Trott und meistens auch weniger Fremdbestimmung, dafür aber mehr Risiko und Unsicherheit. Wenn dann plötzlich das Geldverdienen seine Gleichmäßigkeit verliert, mutiert der Sinngewinn schnell zur Nebensache.

 

Was ist die Lösung?

Bestätigung, Erfolg, Anerkennung gewinnen, Hindernisse überwunden zu haben: darin steckt Sinn. Sinn braucht Zwischenmenschliches. Wer hat eigentlich festgelegt, dass die Arbeit dem Leben Sinn geben muss? Die Lebensarbeitszeit ist über die letzten Jahrzehnte immer geringer geworden, die Digitalisierung wird den Trend nicht umkehren, sondern eher verstärken. Da liegt es doch irgendwie nahe, den Sinn durchaus auch mal in der Freizeit zu suchen. Erfolgserlebnisse gibt es auch dort, sogar ganz altruistische.
Wer genau hinschaut, hat es vielleicht schon gemerkt: Sinn ist nicht nur individuell, er ist vor allem auch ganz ordentlich volatil. Wer sich darauf versteht, die Bälle im Spiel zu halten, mit Resilienz Durststrecken zu überwinden, wird sich mit der Sinnerfahrung im Job nicht ganz so schwertun. Sinn ist da, meistens hapert es am Wahrnehmen – im echten Wortsinn. Auch wenn es jetzt ziemlich esoterisch klingen mag: Wer das nicht schafft, wird wohl sein Leben lang auf Sinnsuche bleiben.